Sich zu verkriechen ist okay. Oder?

Es ist nicht so, als fiele mir nicht auf, dass ich im Moment das größte Bedürfnis seit langem habe, mich zu verkriechen.
Ganz für mich alleine in meiner Wohnung zu sein, zu tun, was ich immer so tue und keine Gesellschaft zu haben, ist derzeit für mich ganz wichtig.
Allerdings ist das zuweilen etwas problematisch, wenn man nicht single ist, auch, wenn man in getrennten Wohnungen, in unterschiedlichen Städten lebt. Der Partner verlangt Aufmerksamkeit und vorallem physische Zuwendung, was jemandem, der mitten in so einem nicht näher definierbaren Psycho-Ding steckt, ganz schön schwer fallen kann.
Wie verklickert man dem eigenen Partner, dass man am liebsten alleine ist im Moment, weil kaum etwas eine heilendere Wirkung hat, als schnöde Zeit mit sich selbst?
Darüber hinaus, wenn der Partner aufgrund mangelnder Eigenerfahrung keinerlei Zugang zu dem ganzen Thema Psyche hat und dementsprechend wenig damit anzufangen weiß. Wie erklärt man einem Menschen, für den das alles mehr nach "wtf is it?" aussieht, dass man sich nicht gut fühlt und gar nicht den Nerv darauf hat zwischenmenschlich interaktiv zu sein?

Ich bin in diesem nicht näher definierbaren Psycho-Ding. Und scheinbar mache ich meinen Wunsch nach Zeit für mich zwar deutlich, aber zeitgleich löst das im näheren Umfeld auch Unmissverständnis, vorallem aber Unbehagen aus. Wohl, weil man nichts damit anzufangen weiß und eher dazu neigt alles auf sich zu beziehen, anstatt in der Lage zu sein, es als Auswirkungen des Psychocrashs vor vier Monaten zu sehen, weil Heilung Zeit braucht. Viel Zeit. Sehr, sehr viel Zeit.
Aber vorwerfen kann man jemandem dieses Unvermögen nicht. Eher ist jeder darum zu beneiden, der nicht weiß, wie es ist in einem tiefen, tiefen Loch zu stecken, von dem man sich nicht sicher ist, ob das Licht am oberen Ende morgen heller ist oder noch etwas weiter fort.

Nur leider macht es das nicht sehr viel einfacher, wenn man in einer Beziehung steckt und die die notwendige Aufmerksamkeit braucht, man aber gar nicht in der Lage ist, diese Aufmerksamkeit zu geben.
Die eigene Konzentration und Leistungsfähigkeit reicht von Zwölf bis Mittag und wenn man damit durch ist, den Tag mit sich selbst zu überstehen, ist keine Kraft mehr da um noch jemanden mit einzubinden, geschweige denn jemandem die notwendige Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die er verdient.

Unfair? Ja. Allen gegenüber. Schwierig? Ja, auch. Für alle. Wahrscheinlich leidet der Partner in einer Episode ebenso, wie der Betroffene selbst. Nur auf andere Art. Besonders, wenn es einfach nicht möglich ist im Ansatz nachzuvollziehen, was im Kopf des Kranken vor sich geht und warum es so ist wie es ist. Wieso man keine Lust hat etwas zu unternehmen, warum man körperliche Nähe nahezu gar nicht zulassen kann und diese auch nicht sucht, wieso man eher schweigt statt spricht, weshalb man nachts nicht schlafen kann oder aus welchem Grund die Laune von jetzt auf gleich umschlägt, von lethargisch-apatisch zu deprimiert. Man erscheint gefühlskalt, desinteressiert und unglücklich.
Und man bekommt bei jedem Zusammentreffen ein schlechteres Gewissen, weil man nicht (mehr) der Mensch ist, den der Partner einst kennengelernt hat und immer aufs neue enttäuscht.

Man befindet sich in einem konstanten, sich wiederholenden Dilemma. Man verletzt unbeabsichtigt und fühlt sich ohnehin schon permanent schuldig für alles. Aber durch die Äußerungen der Menschen um einen herum, wie kacke es eigentlich so ist, wird es nur noch schlimmer und man zieht sich mehr zurück in sein Schneckenhaus, denn da drin ist es einigermaßen sicher. So trägt man plötzlich nicht nur Schuld an dem eigenen Drama im Kopf, sondern auch am Unbehagen der Anderen, vorallem dem des Partners, welcher einem in der Regel ja am nächsten steht. Die Beziehung läuft schon lange nicht mehr so wirklich rund und all diese Schuld nimmt man auf sich, immerhin macht so ein Tröpfchen mehr den Braten ja auch nicht mehr fett. Und wenn man alle "Hättest du mal...; Wärst du mal...; Ich habs dir ja gesagt...; Du musst auch mal auf andere hören...; So geht das nicht...; Du musst irgendwann wieder..."-Sprüche von Freunden und Verwandten durchgehört hat und man nicht mehr kann, als noch müde zu nicken, kriecht man erschöpft ins Bett und fällt meist in einen unruhigen Schlaf aus dem man, am nächsten Morgen, ebenso erschöpft oder noch erschöpfter aufwacht und alles von vorn mitnehmen muss.

Sich zu verkriechen ist scheinbar okay. Zumindest, wenn man damit leben kann, dass der Rest der Welt es nicht okay findet. Gerade nicht, wenn es länger dauert, als einen Nachmittag.